Trauer-Weg-Blog

Meine persönliche Reise zurück ins Leben

Der Trauer ein Gesicht geben

Wie oft hörte ich den Satz "Du musst deine Trauer verarbeiten!" - Ja, klar, aber wie mach ich das? Was ist Trauer eigentlich? Wie sieht die Trauer überhaupt aus? Hat sie eine Farbe, eine Gestalt oder sogar ein Gesicht?
Unmittelbar nach Vadims Tod war die Trauer für mich wie eine meterdicke, tonnenschwere Wolldecke, die mich in ihrer Dunkelheit zu ersticken drohte. Ich konnte sie bei jedem Atemzug deutlich spüren, doch ich konnte die Trauer rational nicht greifen. Das Konzept Trauer war für mich zu abstrakt, so dass es mir schwer fiel, mich mit ihr auseinanderzusetzen. Erst als ich in Schwenden den Impuls hatte, mir ein kleines Elch-Plüschtier zu kaufen, fand ich einen Zugang zu meiner Trauer.

Meine Elch-Dame Sally in Palm-Mar

Ich taufte meine Elch-Dame Sally. Seither begleitet mich Sally auf meiner Reise. Sie gibt meiner Trauer eine Gestalt, so dass ich mich mit ihr beschäftigen und sogar kommunizieren kann. Sally ist ein neugieriges und gesprächiges Wesen. Deshalb wollte sie mich zu Beginn auf all meine Ausflüge begleiten. Oft flüsterte sie mir unterwegs ins Ohr, dass ich all diese wunderschönen Erlebnisse nie mehr gemeinsam mit Vadim erleben könne. Das führte dazu, dass jeder noch so wundervolle Moment einen bitteren Beigeschmack bekam. Trotzdem erlaubte ich Sally, mich weiterhin zu begleiten, denn mittlerweile wusste ich, dass je mehr ich die Trauer zu unterdrücken versuchte, desto heftiger und unkontrollierbarer die Traueranfälle wurden. Langsam gewöhnten Sally und ich uns aneinander und wir begannen uns sogar anzufreunden. So gelang es mir Tag für Tag meine Trauer mehr zu erlauben, sie zu fühlen und sie anzunehmen.
Mit der Zeit wollte Sally nicht mehr so oft mit und wenn sie mich doch einmal begleitet, entdecken wir gemeinsam die Schönheit in den kleinen Dingen, wobei mir Sally jeweils erklärt, dass Vadim ganz in meiner Nähe ist und mir mit einem Lächeln zuschaut.

In den vergangenen Monaten wurde mir klar, dass Trauer etwas ist, dass ich auf Kopfebene nicht verstehen und nur bis zu einem gewissen Grad logisch greifen kann. Deshalb war es für mich entscheidend, dass ich einen Weg finde, wie ich die Trauer auf Herzebene zulassen konnte, weil sich dort das Heilungspotential versteckt. Ich durfte lernen in mein Herz zu gehen, zu fühlen und aus dieser Perspektive die Geschehnisse anzunehmen.
Unmittelbar nach Vadims Tod hatte ich die Trauer komplett missverstanden. Wie vermutlich viele Menschen verurteilte ich die Trauer als etwas Böses, als unangenehmes, sogar schmerzhaftes Gefühl, welches ich möglichst schnell in eine Box packen und versorgen wollte. Ich drängte die Trauer in die Ecke, ohne zu verstehen, dass sie mir helfen wollte. Dadurch entwickelte ich eine Angst vor der Trauer, weil ich mich vor dem Schmerz fürchtete, der mir die Trauer aufzeigen könnte. Dieser Wierstand ist zwar nicht ganz unberechtigt, denn aus eigener Erfahrung weiss ich, wie schmerzhaft sich die Realität nach einem Verlust anfühlen kann. Doch durch meine Angst blockierte ich die heilende Wirkung der Trauer, was meinen Schmerz nur vergrösserte.

Sobald ich die Trauer auf Herzebene zuliess, begann mein Heilprozess. Sally zeigte mir Schritt für Schritt die schmerzhaften Themen auf, so dass ich sie mit dem Herzen anschauen und die angestauten, negativen Emotionen anschliessend gehen lassen konnte. So half mir die Trauer die Ereignisse zu verarbeiten. Vor allem aber kam die Trauer nie mit leeren Händen zu Besuch. Sie brachte immer ein Geschenk mit. Manchmal war es Kraft, Hoffnung, Lebenssinn, Geborgenheit oder Dankbarkeit. In diesem Prozess bekam die Trauer für mich ein neues Gesicht. Die Trauer ist meine Brücke zu Vadim. Sie erinnert mich an die Liebe, die ich mit Vadim teilen durfte und daran, dass wir immer noch über eben dieses Band der Liebe verbunden sind. Vadim ist immer noch bei mir– heute einfach in einer anderen energetischen Form. Und wenn mich die Trauer wieder einmal auf dem falschen Fuss erwischt und mich aus meiner Mitte reisst, erinnert mich Sally liebevoll daran, dass Trauer die andere Medaillenseite der Liebe ist.

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