Trauer-Weg-Blog

Meine persönliche Reise zurück ins Leben

Gratwanderung

Das Leben mit der Trauer ist eine Gratwanderung. Auch fast ein Jahr nach Vadims Tod fühlt es sich noch immer wie ein ständiger Balance-Akt in meinem Inneren an, hin und her gerissen zwischen Neuausrichtung und Vergangenheitsbewältigung, zwischen Verzweiflung und Hoffnung, zwischen Licht und Schatten, zwischen liebevollen Erinnerungen und meinen neuen Träumen. Hinzu kamen die Erwartungen des Aussens, wie das sogenannte Trauerjahr auszusehen hat. Da ich jedoch nicht die «typische» trauernde Lebenspartnerin bin, die in ihrem Schmerz versinkt, wurde ich unterschwellig immer wieder mit Aussagen konfrontiert à la «Ist ja klar, dass es dir schon wieder so gut geht, ihr wart ja nicht lange zusammen, dann ist das besser zu verkraften.» Irgendwie scheint es in unsere Gesellschaft eine Verstrickung zu geben, die besagt, dass wir die Liebe anhand der Dauer einer Beziehung oder der Länge der Trauer messen können. Doch für mich geht diese Gleichung nicht auf.

Schmaler Weg Entlang des Grats im Teno-Gebirge

Aus meiner Perspektive sagt die Dauer oder die Intensität meiner Trauer nichts darüber aus, wie sehr ich Vadim geliebt habe. Vadim war für mich der wichtigste Mensch in meinem Leben und auch ein Jahr nach seinem Tod liebe ich ihn noch immer. Der Schmerz, dass er physisch weg ist und nie wieder kommen wird, erdrückt mich an manchen Tagen immer noch fast. Trotzdem spüre ich in diesen dunklen Momenten eine leise Stimme in mir, die mir sagt, dass ich aufstehen und weitermachen muss. Bin ich deshalb egoistisch oder gefühlskalt, wenn ich das Drama meines Verstandes ausschalte und auf mein Herz höre? – Ich finde nicht, denn dieses «Wieder-Aufstehen» bedeutet für mich Liebe. Es ist die Liebe zu mir, zu meinem Leben und zu meinen Träumen. Es ist gleichzeitig aber auch die Liebe zu Vadim. Nur wenn ich meinen persönlichen Weg finde, wie ich mit der Trauer weiterleben kann, gelingt es mir, mit einem Strahlen im Gesicht an unsere gemeinsame Zeit zurückdenken. Nur so kann ich all jene Dinge mit der Welt teilen, die ich von ihm lernen durfte und die ich an Vadim so geliebt habe.

Trotzdem werde ich von vielen Mitmenschen mit grossen Augen beäugt, wenn ich mit einem Lächeln oder guter Laune herumlaufe. Viele können nicht verstehen, wie ich ein knappes Jahr nach seinem Tod bereits wieder Lebensfreude ausstrahlen und meine neuen Träume verfolgen kann.

Es nicht so, dass in meinem Leben alles «Friede-Freude-Eierkuchen» wäre, denn auch nach meinem intensiven Trauerprozess, ist die Trauer immer noch ein Teil von mir – und wird es vermutlich für immer bleiben. Meine Gefühlslage ist deshalb immer noch sehr komplex, wechselhaft und unberechenbar. In manchen Situationen genügt ein Stichwort, eine Erinnerung taucht auf und meine Trauer trifft mich unerwartet wieder mit voller Wucht. Und gerade deshalb erlaube ich es mir, meine Reise zu feiern, die Sonne zu geniessen, neue Orte zu erkunden, mich mit Herzensmenschen zu unterhalten und mein Leben wieder in vollen Zügen auszukosten. Denn genau solche farbigen Momente geben mir die Kraft die Trauer wirklich zu fühlen, mit ihr zu arbeiten und sie nicht einfach in irgendeine Box zu verpacken. Ja vielleicht sieht das nach aussen so aus, als wäre alles super. Das ist aber nur das äusserlich sichtbare Resultat meiner inneren Arbeit mit meiner Trauer.

Wenn ich heute auf das vergangene Jahr zurückblicke und meinen Trauerprozess reflektiere, kann ich drei Hauptbestandteile erkennen: Ich durfte mit Hilfe der Lichtarbeit meine eigene Identität neu definieren und meine Lebensfreude zurückzugewinnen. Durch die Schattenarbeit konnte ich den Schmerz verarbeiten, indem ich die herausfordernden Emotionen anschaute, in Besitz nahm und schliesslich losliess. Die Erinnerungsarbeit nutzte ich, um die gemeinsamen Erlebnisse mit Vadim in meinem Herz zu behalten. Gleichzeitig durfte ich für Vadim einen würdigen Platz in meinem neuen Leben kreieren und so auf energetischer Ebene eine neue Beziehung zu meinem Lieblingsmenschen im Himmel aufbauen. Die Kombination dieser drei Aspekte hat mir geholfen die Superkraft der Trauer zu nutzen, die Vielfalt im vermeintlichen Chaos zu entdecken und meine Lebensliebe zurückzuerobern. Aus diesem Grund werde ich die Licht-, Schatten- und Erinnerungsarbeit kombinieren und als Fundament für meine Trauer-Weg-Begleitung unter dem Namen «Lebensliebe» nutzen, um anderen Trauernden in ihrer persönlichen Gratwanderung zu unterstützen.

Nächster Blog-Eintrag: In Welche Richtung geht dein Blick?

Hallo - ich freue mich, dass du da bist! Meine Webseite verwendet Cookies und ähnliche Technologien, um die Funktionen der Seite zu gewährleisten. Wenn du die Seite weiterhin nutzt, gehe ich davon aus, dass du mit deren Verwendung einverstanden bist. Mehr Informationen findest du in der Datenschutzerklärung.
Einverstanden