Trauer-Weg-Blog

Meine persönliche Reise zurück ins Leben

In welche Richtung geht dein Blick?

Heute ist der 23. März 2022. Vadims unerwarteter Tod jährt sich heute das erste Mal. 365 Tage sind vergangen, seit dem Moment, in dem meine Welt Kopf stand und mit einem Schlag nichts mehr so war wie zuvor. In den letzten Monaten hat sich mein Leben komplett verändert. Ich habe all meine Werte und Vorstellungen hinterfragt und mein Leben neu ausgerichtet. Ich bin durch den hohen Norden und den warmen Süden gereist, durfte viele Wochen unterwegs sein und immer wieder neue Orte entdecken. Doch eine Konstante gab es in den vergangenen 12 Monaten: meine Trauer.

Playe de Benijo

In den letzten Tagen sind so viele Erinnerungen auf mich eingeprasselt, ich hatte unzählige Flashbacks zu den letzten Momenten mit Vadim. Und immer wieder kammen in mir die gleichen Fragen hoch: «Wusste Vadim unbewusst, dass er bald in die geistige Welt gehen würde? Hat er sich deshalb an unserem letzten gemeinsamen Wochenende noch einmal so unglaublich viel Zeit für mich genommen und mir all seine Träume für unsere gemeinsame Zukunft mitgeteilt? War das Vadims Art sich zu verabschieden?»
Getriggert durch all diese Fragen ploppt auch meine Trauer wieder ungewohnt heftig auf. Eigentlich dachte ich, dass ich das Gröbste verarbeitet hätte, aber meine mittlerweile gute Bekannte belehrt mich eines Besseren. Wieder lage ich am Abend mit Tränen im Bett und dachte an Vadim. Wieder stand ich im gefühlt luftleeren Raum und wusste nicht, wo oben und unten ist. Wieder fühlre ich mich hilflos, machtlos und komplett überfordert. Hinzu kam noch meine Wut über mich selbst, denn ich verurteilte mich dafür, dass ich gefühlt wieder am genau gleichen Ort stand, wie noch vor einem Jahr. Doch dieses Mal war es meine Trauer, die ihre Arme um mich legt und mir erklärt, dass der Trauerprozess wie eine Spirale funktioniert. Dadurch fühlt es sich für mich zwar so an, als ob ich immer wieder am gleichen Punkt stehen würde, aber in Wahrheit betrachte ich nur dasselbe Thema wiederholt von der nächsthöheren Eben. So merke ich, wie mit jeder erklommenen Eben meine Traueranfälle kürzer werden und an Intensität verlieren.

Gleichzeitig wird mir aber auch klar, dass die Trauer nie aufhören wird. Sie wird mich mein Leben lang begleiten. Diese Erkenntnis widerstrebt meinem Ego gewaltig, denn im vergangenen Frühling hatte ich mir nichts sehnlicher gewünscht, als dass es für die Trauer ein Abschlussdatum geben würde. So ähnlich wie bei einer Weiterbildung, bei der ich weiss, dass wenn ich während dem Semester fleissig lerne, ich die Prüfung bestehen werde und so einen weiteren Punkt auf meiner ToDo-Liste abhäkeln kann.

Doch die Trauer funktioniert anders. Sie hält sich an keine Zeitpläne oder Vorstellungen der Gesellschaft. Nach dem sogenannten Trauerjahr ist nicht plötzlich alles wieder gut, denn die Geschichte, die Vadim und ich gemeinsam geschrieben haben, hat im vergangenen Frühling ein jähes Ende gefunden. Vadim ist vielleicht das schönste Buch meins Lebens. Ich kann dieses Buch jederzeit aus dem Bücherregal nehmen, darin lesen und mich über die vielen farbigen Kapitel freuen, doch ich werde nie daran weiterschreiben oder ein anderes Ende kreieren können. Diese Endgültigkeit ist es, die meine Trauer immer wieder triggert, denn egal wie gut ich lerne mit meinem Verlust umzugehen, rückgängig machen kann ich die Geschehnisse nicht. Ich bin jeden Tag gezwungen mit meinem Verlust und dem daraus entstandenen Gefühl der Machtlosigkeit und des Kontrollverlusts zu leben.

Meine Reise hat mich jedoch gelehrt, dass jeder von uns einen unterschiedlichen Umgang mit herausfordernden Emotionen hat. Deshalb gibt es auch keinen allgemeingültigen Weg, wie am besten mit der Trauer umgegangen werden kann. Und genau dies macht den Trauerprozess auch so schwierig. Mir haben in den vergangenen Monaten oft die Anhaltspunkte gefehlt, die mir den Weg aus der Dunkelheit zeigen. Trotzdem durfte ich in meinem persönlichen Prozess immer wieder wunderbare Menschen kennenlernen, die mich durch ihren eigenen Umgang mit den Themen Tod und Trauer berührt und inspiriert haben. Dadurch fand ich den Mut, meinen eigenen Weg zu gehen und mich von all jenen gesellschaftlichen Vorstellungen zu lösen, die mich in meinem Trauerprozess einengten und behinderten. So wurde meine Trauer zu einer guten Bekannten, die immer wieder bei mir vorbeischaut und sich mit mir gemeinsam verändert und weiterentwickelt.

All diese Erfahrungen weckten in mir den Wunsch zukünftig für andere Trauernde ein Wegweiser zu sein und sie ein Stück auf ihrem Weg begleiten zu dürfen. Deshalb ist das Ende meiner Reise gleichzeitig auch der Neustart in mein Leben als Trauer-Weg-Begleiterin. Und für diesen Neuanfang habe ich den 23. März 2022 gewählt. Vor einem Jahr hat mein Leben mich gezwungen neuanzufangen, dieses Jahr entscheide ich mich bewusst dazu einen Neustart zu wagen.


Vielen Dank, dass du mich in diesem für mich völlig verrückten Jahr begleitet und meinen Blog gelesen hast. Meine vorläufige Rückkehr in die Schweiz ist auch das Ende meines Blogs, denn ich möchte mich vermehrt auf meine Vision konzentrieren. Wenn du weiterhin mit mir im Kontakt sein möchtest, dann folge mir doch auf Instagram lebensliebe.ch oder schaue wieder einmal auf meiner Website vorbei, denn hier werden schon bald die ersten Angebote meiner Trauerweg-Begleitung ersichtlich sein.

Von Herz zu Herz
deine Mirjam

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