Trauer-Weg-Blog

Meine persönliche Reise zurück ins Leben

Komfortzonen

«Dein Leben beginnt ausserhalb der Komfortzone.» - Wie oft habe ich diesen Satz während meinen Ausbildungen gehört und dabei gedacht, dass ich ja genau dies immer wieder tue. Doch was es wirklich heisst, die Komfortzone zu verlassen, habe ich erst in den vergangenen Monaten verstanden, als mein Leben mich sehr unsanft aus meiner Komfortzone rausgekickt hatte.

Häuschen und Palme auf Teneriffa im Hintergrund eine Bergkette

Unmittelbar nach Vadims Tod funktionierte ich auf Autopilot. Yoga und Mediationen half mir meine Batterien immer wieder halb aufzufüllen, damit ich irgendwie weiterfunktionieren konnte. Ich hatte schnell wieder einen geregelten Alltag. Tagsüber arbeitete ich als Lehrerin, abends ging ich spazieren, setzte mich mit meiner Trauer auseinander oder traf mich mit Freunden, um mich abzulenken. Ohne es zu merken, baute ich mir innert kürzester Zeit eine neue Komfortzone auf. Vermutlich ist Komfortzone der falsche Namen dafür, denn nein, sie war nicht komfortabel, sondern eher dunkel und schwer. Doch ich hatte einen festen Rhythmus und damit eine Struktur, an der sich mein Kopf orientieren und einen Tagesablauf, den ich kontrollieren konnte.

Anfang Juli sprengte ich diese Komfortzone durch meine Auszeit in Schweden. Einige Tage vor meinem Abflug begann mein System heftig auf die bevorstehende Veränderung zu reagieren. Obwohl meine damalige Komfortzone alles andere als zufriedenstellend war, hatte mein System Mühe sich auf eine Veränderung einzustellen, denn das Unbekannte löste Angst in mir aus.
Trotzdem flog ich nach Schweden und baute mir in kürzester Zeit eine farbig-schillernde Komfortzone auf der Huskyfarm auf. Ich liebte mein Leben als Gästebetreuerin, weil ich interessante Aufgaben, spannende Begegnungen und gleichzeitig auch viel Zeit für mich und meinen Trauerprozess hatte. Ich wünschte mir, dass dieser Sommer nie enden würde und doch fielen irgendwann die ersten farbigen Blätter von den Bäumen. Mit dem Ende des schwedischen Herbstes kam für mich erneut der Moment, auch diese Komfortzone zu verlassen und in ein völlig neues Abenteuer einzutauchen.

Meine Vorfreude auf Teneriffa, den warmen Süden und die Sonne war riesig. Trotzdem hatte ich gegen Ende September grosse Mühe mit dem Gedanken, meine liebgewonnene schwedische Komfortzone aufzugeben. Deshalb reagierte mein System auch dieses Mal schon einige Tage vor dem Flug mit Unwohlsein, Nervosität und unruhigen Nächten.

In Teneriffa angekommen merke ich wieder einmal, wie mein Kopf und mein Bauch sich miteinander zanken. Meine Bauchstimme ist begeistert von der Finka, dem wunderschönen Ausblick aufs Meer und den vielen Sonnenstrahlen. Mein Kopf hingegen fragt sich immer wieder, was ich hier eigentlich mache, denn das Leben auf der Finca sei viel zu weit ausserhalb meiner Komfortzone. Zudem findet es mein Kopf überhaupt nicht lustig, dass ich schon wieder etwas Neues ausprobieren will, denn die Anpassung ans Unbekannte ist ja sooo anstrengend :-) Meine Bauchstimme versucht immer wieder meinen Kopf zu beruhigen und ihm zu erklären, dass ich mir Zeit nehmen darf, mich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Also versucht mein Kopf sich der neuen Situation hinzugeben und gespannt zu schauen, wie sich die Dinge entwickeln.

Strasse auf Teneriffa mit Blumen und einer Palme
Blüte einer Drachenfrucht
Sonnenaufgang über dem Meer

Und trotzdem fällt es mir auch zwei Wochen nach meiner Ankunft auf Teneriffa schwer, mich auf der Finca einzuleben und mich wirklich wohlzufühlen. Zu chaotisch, unstrukturiert und planlos ist der Betrieb hier, was in mir das Gefühl der Machtlosigkeit triggert. Wenn ich am Morgen den ersten Auftrag erhalte, weiss ich genau, dass ich spätestens in einer halben Stunde etwas ganz anderes tun werde, weil wieder sämtliche Pläne über den Haufen geworfen wurden. So bin ich gezwungen, spontan und flexibel zu bleiben und mich immer wieder an die sich verändernden Umstände anzupassen.

Und mit der Machtlosigkeit kommt auch das altbekannte Gefühl des Kontrollverlustes hoch, welches ich unmittelbar nach Vadmis Tod so oft gespürt hatte. Ich hasse diese beiden Emotionen, weil sie mir das Gefühl geben, dem Aussen wie ein Spielball hilflos ausgeliefert zu sein.
Im März 2021 war ich tatsächlich den Ereignissen im Aussen machtlos ausgeliefert, denn egal was ich tat, es gab nichts was Vadim zurückgebracht hätte. Jetzt im Oktober 2021 auf Teneriffa ist das anders, hier bin ich jederzeit in meiner Eigenmacht und kann entscheiden, ob ich in der Situation drinbleiben und wie ich die Lage handhaben will.

Und auch wenn es gerade mega schwer ist, diese Machtlosigkeit und den Kontrollverlust nochmals zu spüren, so ist es doch eine wunderschöne Heilungsmöglichkeit. Indem ich die beiden Emotionen jetzt noch einmal bewusst fühle, annehme und integriere, kann ich sie auflösen, so dass wieder ein Teil meiner «Vadim-Narbe» heilen darf. Deshalb entscheide ich mich dafür, absichtlich ausserhalb meiner normalen Komfortzone zu bleiben. Ich versuche immer wieder das für mich gefühlte Chaos auf der Finca anzunehmen, mich der Situation ohne Widerstand hinzugeben und die auftauchenden Gefühle zu integrieren, so dass ich einen weiteren Schritt in meinem Trauerprozess machen kann.

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