Trauer-Weg-Blog

Meine persönliche Reise zurück ins Leben

"Nicht-Wissen"

In Schweden bin ich einfach nur Mirjam.
Mirjam, die auf der Huskyfarm mithilft.
Mirjam, die mit den Kindern durch den Garten tollt.
Mirjam, die gerne in die Natur rausgeht.
Mirjam, die viel Zeit bei den Hunden verbringt.
Aber ich bin hier nie Mirjam, die Hinterbliebene oder Mirjam, die mit dem toten Freund.
Und genau das ist für mich enorm befreiend.

Hündin Kvanta und Mirjam

Seit Vadims Tod hat es sich für mich angefühlt, als ob viele meiner Mitmenschen mich nur noch auf meinen Schicksalsschlag reduziert haben. Gefühlt wurden alle anderen Facetten meiner Persönlichkeit ausgeblendet. Ich war nur noch «die junge Frau, deren Lebenspartner völlig unerwartet verstorben ist». Ich verstehe all diese Menschen, denn ich weiss nicht, wie ich an ihrer Stelle reagiert hätte. Trotzdem wurde mir damit eine Rolle aufgezwungen, die ich nie spielen wollte. Ich bin nicht bereit mein Leben auf diesen einen Moment zu reduzieren. Vadim wird immer ein Teil meines Lebens sein. Sein Tod ist und bleibt ein trauriger Meilenstein in meiner Lebensgeschichte, der meinen Weg immer beeinflussen wird. Aber ich will nicht, dass mein ganzes Leben nur über diesen einen Moment definiert wird. Dafür ist meine Persönlichkeit zu bunt, meine Ideen zu vielseitig und meine restliche Lebenszeit zu wertvoll.

Meine Auszeit in Schweden gibt mir die Möglichkeit neue Menschen zu treffen, die nichts von meiner Achterbahnfahrt der letzten Monate wissen. Diese Menschen gehen völlig anders mit mir um. Denn durch das «Nicht-Wissen» legen sie nicht jedes Wort auf die Goldwaage. Diese Unbefangenheit schätze ich momentan enorm.

Manchmal ist das «Nicht-Wissen» aber auch kompliziert und belastend für mich. Irgendeine Situation erinnert mich an Vadim. Mein erster Impuls ist es voller Stolz von ihm oder einem gemeinsamen Erlebnis zu erzählen. Nur wie erzählt man einer anderen Person von seinem Freund im Himmel. Soll ich Vadim ernsthaft als meinen Ex-Partner bezeichnen? – Das Wort Ex-Freund triggert mich extrem, denn weder Vadim noch ich haben uns absichtlich dazu entschieden, dass wir nicht mehr zusammen sind. Soll ich Vadim als meinen damaligen Freund bezeichnen? - Dann ist es aber irgendwie schräg, wenn ich noch dauernd von ihm erzähle. Soll ich Vadim als meinen Freund bezeichnen? – Auch das fühlt sich nicht stimmig an, weil ich mich dann verzweifelt an die Vergangenheit klammere und mich selbst in meinem Neustart behindere. Und so realisiere ich wieder einmal, wie ungenau unsere Sprache ist und wie oft mir die passenden Worte fehlen. Umso wichtiger finde ich es, dass wir alle endlich anfangen uns unseren Emotionen bewusst zu werden und diese zu versprachlichen, denn nur so kann unsere Sprache genauer und unser Umgang mit anderen Menschen liebevoller werden.

Für mich bedeutet das, dass ich – so sehr ich das «Nicht-Wissen» meiner Mitmenschen momentan gerade schätze – irgendwann an den Punkt komme, an dem ich meine Geschichte mit einem lächelnden und einem weinenden Auge erzähle.
Je mehr ich die Menschen hier kennen lerne, desto mehr habe ich das Bedürfnis mich ohne Masken zu zeigen und meine Erfahrungen zu teilen. Damit ist zwar das Risiko verbunden, dass mich mein Gegenüber anders behandelt und trotzdem erscheint die Wahrheit für mich der beste Weg zu sein.

Abendstimmung am See
Hündin Mitshu auf dem Husky Trekking im Wald
Schwedischer Wald

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