Trauer-Weg-Blog

Meine persönliche Reise zurück ins Leben

Schlechtes Gewissen

Schweden tut mir gut. Ich geniesse die überwältigende Schönheit der Wälder und Seen. In der schier endlosen, menschenleeren Natur kann ich meine Batterien wieder aufladen, meinen Emotionen freien Lauf lassen und so Schritt für Schritt das Chaos in meinem Kopf aufräumen, dass mich seit Monaten begleitet.

Sonnenuntergang auf dem Akkanålke

Und auch die Menschen hier tun mir gut. Ich darf stundenlang mit den Kindern spielen, mit Gästen interessante Gespräche führen oder mit anderen Helfern spannende Ausflüge unternehmen. Ich bin selbst überrascht, wie einfach es mir fällt auf neue Menschen zuzugehen, wo ich doch direkt nach Vadims Tod am liebsten gar niemanden sehen und schon gar keine fremden Menschen kennenlernen wollte. Und doch haben es die anderen Helfer geschafft, mich aus meinem Schneckenhaus herauszulocken, mit mir über Gott und die Welt zu quatschen und mich zum Lachen zu bringen. Sie haben für einen Tripp zum spektakulären Wasserfall Storforsen und ein kunterbuntes Abendprogramm gesorgt, dass von Dog spielen, über einen spektakulären Sonnenuntergang auf der Klippe bis zu einer Kanutour und baden im See gereicht hat. In dieser Zeit habe ich mich seit Monaten endlich wieder lebendig gefühlt. Plötzlich konnte ich die Schönheit des Lebens wieder in jedem Moment entdecken und das Leben förmlich durch mich hindurch pulsieren spüren.

Doch nach zwei Wochen reisten meine neuen Freunde zurück und ich war wieder allein. Erst in diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich in den vergangenen Tagen kaum an Vadim gedacht hatte. Und natürlich triggerte dies bei mir sofort das schlechte Gewissen. Wie kann es sein, dass ich so viel Spass am Leben habe, wenn Vadims Tod doch erst vier Monate her ist? Und wie konnte es passieren, dass ich so sehr in meinem eigenen Film war, dass ich vergass an Vadim zu denken? Und darf ich überhaupt mit anderen Männern herumalbern? – Unzählige solcher Fragen geisterten mir durch den Kopf, bis ich realisierte, dass ich wieder einmal nur im Kopf dachte, aber nicht mehr mit dem Herzen fühlte. Mein Ego war wieder einmal auf Krawallkurs und versuchte mit allen Mitteln meine Laune runterzuziehen. Also versuchte ich meine Gedankenchaos mit meinem Herzen zu betrachten. Dabei bemerkte ich, dass ich in den letzten zwei Wochen zwar nicht oft an Vadims Tod oder an dessen Auswirkungen auf mein Leben gedacht hatte, jedoch oft über gemeinsame Erinnerungen schmunzeln musste oder immer wieder spürte, welche Dinge uns beide immer noch verbinden. Vadim hat es geliebt mit mir gemeinsam zu lachen und herumzualbern. Gerade weil er dies jetzt nicht mehr tun kann, bin ich mir sicher, dass Vadim mir mit einem riesigen Grinsen im Gesicht zusieht, wenn ich mit anderen Menschen eine entspannte Zeit geniesse und aus ganzem Herzen lache.

Wasserfall Storforsen
Kanuausflug in einen schmalen Bachlauf
Nebenfluss des Wasserfalls Storforsen

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