Trauer-Weg-Blog

Meine persönliche Reise zurück ins Leben

Wasserfall im Märchenland

Die nächste Station meiner Reise führte mich ein Märchenland voller Magie irgendwo in den Bergen Teneriffas. Ich hatte mir ein kleines AirBnB im Gebirge oberhalb der Touristenmetropole Los Cristianos ausgesucht. Ich freute mich auf einige Tage Ruhe und Entspannung abseits der grossen Menschenmassen, weil mein System nun etwas Zeit braucht die unzähligen Eindrücke der vergangenen Monate zu verarbeiten.

Zwei Drachen bewachen den Eingang zur Höhle

Als ich in meiner Unterkunft ankam, war ich zuerst über die Grösse meines Zimmers (oder besser gesagt meiner kleinen Wohnung inklusive eigener Küche, privater Dachterrasse, einer Waschmaschine und sogar einer Whirlpool-Badewanne) überrascht und anschliessend von der zum Grundstück gehörenden Höhle begeistert. Das AirBnB gehört einem Künstlerehepaar. Sie hatten in den vergangenen Jahren das Höhlensystem mit viel Liebe zum Detail in eine Zauberwelt voller Legenden und Mythen aus den unterschiedlichsten Zivilisationen verwandelt. Kaum angekommen, führte mich meine Gastgeberin durch eine andere Dimension und erzählte mir voller Enthusiasmus von Atlas, Pegasus und Herkules, von Isis, Osiris und Amun, von Gara und Jonay (kanarische Legende) und von den Guanchen. Ich konnte mein Glück kaum fassen, dass ich zufällig an einem solch magischen Ort voller kreativer Energien gelandet bin.

Als ich am Abend in meinem Zimmer sass und meine Umgebung geniessen wollte, erfasste mich aus dem Nichts eine Sturmwelle der Einsamkeit und des Vermissens. Es war genau jenes Gefühl, dass sich unmittelbar nach Vadims Tod wie eine schwere Decke über mir ausgebreitet hatte und mich alles wie durch einen verschwommenen Nebel wahrnehmen liess. Es war jene Emotion, die jeglichen Hoffnungsschimmer sofort im Keim erstickte und mir die Luft zum Atmen raubte.

Mit dem Start meiner Reise hatte ich entschieden, mich mehr auf die Chancen anstelle der unzähligen Verluste zu fokussieren, die Vadims Tod mit sich brachten. Ich hatte mich zwar in den vergangenen Monaten mit meiner Trauer auseinandergesetzt, aber gleichzeitig auch immer wieder versucht nach vorne zu schauen und mich auf mein neues Leben zu konzentrieren. Ich hatte die Zeit mit lieben Menschen um mich in vollen Zügen genossen. So war Einsamkeit unterwegs nie ein Thema, denn es war immer jemand da, mit dem ich etwas unternehmen konnte. Und wenn sich doch einmal ein Anflug von Vermissen bemerkbar gemacht hatte, konnte ich mich mit Aktivitäten ablenken. Zudem redete ich mir ein, dass ich beispielsweise mein Abenteuer auf der Huskyfarm sowieso nur allein (und nicht mit Vadim zusammen) hätte erleben können und ich mir so nun wenigstens einen lang gehegten Traum erfüllen konnte.Diese Verdrängungsstrategie hatte einige Monate gut funktioniert, doch nun holten mich meine angestauten Emotionen wieder ein. In diesem Märchenland traf mich der Liebeskummer und das damit verbundene Gefühl der Einsamkeit und des Vermissens wie ein Blitzschlag.
Vadim hätte diese magische Höhlenwelt voller Mythen und Legenden geliebt, denn wir sind mehr als einmal stundenlang durch Museen gestreift, beide gleichermassen fasziniert von den Ausstellungen. Auch das Zimmer hätte er gefeiert, da es der perfekte Ort für eine romantische Auszeit gewesen wäre. So hatte ich sofort hunderte Bilder im Kopf, wie es hier gemeinsam mit Vadim wäre.
Umso mehr frustrierte es mich, dass ich allein in diesem Traumzimmer sass mit dem niederschmetternden Wissen, dass ich nie wieder einen solchen Ort und eine solche magische Stimmung mit Vadim erleben darf. Ich war einsam, enttäuscht und unglaublich traurig. Und ich war stinkwütend über mich selbst, dass ausgerechnet hier mein Liebeskummer mich mit voller Wucht traf und ich so nicht einmal die magische Umgebung geniessen konnte. In diesem Moment brachen alle zurückgehaltenen Emotionen wie ein unaufhaltsamer Wasserfall aus mir heraus. Die Tränen flossen und flossen und ich wusste in diesem Augenblick nicht, ob sie je wieder enden würden. Gleichzeitig spürte ich aber auch, dass ich nun endlich all diese Emotionen zulassen darf, dass ich all meinen Gefühlen Raum geben und sie verkörpern darf.
Durch die Tränen konnte mein System sich entladen und irgendwann merkte ich, wie es in mir ruhiger wurde. Die Tränen wurden weniger, bis der Tränenfluss komplett versiegte und ich mit klarem Blick wieder die Schönheit und Magie um mich herum wahrnehmen und schätzen konnte.

Schildkröte mit zwei kleinen Wasserfällen
Zwei Wachen vor dem Eingang zum ägyptischen Tempel
Aussicht auf Valle San Lorenzo

Ich bin dankbar für diese Erfahrung, auch wenn sie extrem herausfordernd war, denn sie stellt einen nächsten Schritt in meinem Trauerprozess dar. Indem ich angestaute Gefühle gehen lasse, entsteht Platz für Neues, Platz für eine Zukunft, die nicht von den Ereignissen der Vergangenheit überschattet wird. Diese Situation hat mich gelehrt, dass es Licht- und Schattenarbeit braucht. Nur wenn ich meine Tränen erlaube, kann ich den Regenbogen meiner Seele entdecken. Deshalb darf ich lernen, mich einerseits auf meine Wünsche und Träume zu fokussieren und andererseits auch die aufkommenden Gefühle zuzulassen und ihnen ehrlich zu begegnen, denn nur in Kombination von beiden Aspekten kann ich Schritt für Schritt heilen.

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